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Typografie im Raum auf Ebene A3

Trost durch Deep Talk

Ja, mein Glück, das lang gewohnte,
Endlich hat es mich verlassen!

Eduard Mörike

 

Eduard Mörike entwirft in den Anfangszeilen seines Gedichts Trost von 1837 eine Situation des Verlustes, des Verlassenseins vom Glück, von den Freunden und von den Göttern, wie wir in den weiteren Versen erfahren. Eine glückliche Vergangenheit wird evoziert, das Glück war lang gewohnt – und ist nicht mehr. Es ist einer neuen Realität gewichen.

„Endlich“, also „am Ende“, „zuletzt“, „schließlich“, oder sogar „endgültig“ wie im 19. Jahrhundert semantisch noch möglich, hat das Glück den Sprecher verlassen. Als Ausdruck der Ungeduld nach langem Warten, wie heute häufig verwendet, ist das „endlich“ hier wohl nicht zu verstehen, wenngleich sich für den modernen Leser dadurch auf den ersten Blick eine interessante Ambivalenz ergibt.

Dass der Verlust des Glückes eine existentielle Krise bedeutet und nicht langersehnt ist, zeigt der innere Monolog, der auf der Suche nach einem Ausweg auch Gift und Messer zunächst nicht ausschließt. Die Lösung liegt dann aber im Herzen selbst, „vielmehr muß man stille sich im Herzen fassen“. Dieser als einziger in der dritten Person verfasste und damit wie ein Postulat wirkende Vers steht in der Mitte des Gedichts und markiert die Wende. Im zweiten Teil wird dialogisch aus der Rückschau die Lösung der Krise mitgeteilt.

Das lyrische Ich hielt Zwiesprache mit seinem Herzen wie mit einem Freund, es beschwor den Zusammenhalt in mehreren eindrücklichen Bildern von Geborgenheit und Zusammengehörigkeit. Das Motiv der Freundschaft wird gewissermaßen nach innen verlagert. Durch den gedanklichen Austausch mit sich selbst, in der Einsamkeit, nicht durch Auseinandersetzung mit einem realen Gegenüber, findet das Ich zu neuer Stärke. Letztlich ist es das Wort, die innere Ansprache, die das Herz wieder „hüpfen“ läßt. Das Vertrauen in sich selbst erzeugt Resilienz.

Trost kommt durch die Wendung nach innen, durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Psyche, wie wir heute sagen, und lässt Mörikes Gedicht dadurch sehr modern erscheinen. Man ist erinnert an Titel aktueller Achtsamkeitsratgeber wie „Das Date mit dir selbst – Deeptalk“, bei denen Selbsterforschung ebenfalls zu Glücksmomenten im Alltag führen soll, die aber in den größeren Kontext der Selbstoptimierung eingebettet sind, ein Ziel das Mörike noch fremd war.

In der Installation werden die beiden Sphären Glück und Verlassenheit durch die kontrastierenden Farbbereiche schwarz und weiß dargestellt. Die Bedeutung der Verse tritt durch die sehr flächig wirkende Typografie in den Hintergrund.

 

Der Text ist Teil eines künstlerischen Projekts, welches die Württembergische Bibliotheksgesellschaft aus Anlass ihres Jubiläums in Auftrag gegeben hatte. Am 5. März 2024 wurde in der WLB die neue künstlerische Arbeit „Typografie im Raum“ als Geschenk ihres Fördervereins vorgestellt.

Die 16 typografischen Interventionen im Neubau greifen alltägliche Situationen und Grenzsituationen mit Stimmen aus der internationalen Weltliteratur auf. Ausgewählt wurden die Texte vom Philosophen Hannes Böhringer, künstlerisch umgesetzt vom Stuttgarter Büro Uebele.

Sie sind eine Fortschreibung der Arbeiten von Josua Reichert (aus dem Hauptgebäude) ins Zeitgenössische und Internationale. Im Rahmen einer Blogreihe werden diese Texte kurz vorgestellt. Als eine Kunst für Leserinnen und Leser können sie zum Nachdenken und zur weiteren Lektüre anregen.