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Typografie im Raum auf Ebene A2

Authentisches Sprechen als Aufgabe des Gedichts

Einen einzigen Satz haltbar zu machen,
auszuhalten im Bimbam von Worten.

Es schreibt diesen Satz keiner,
der nicht unterschreibt.

Ingeborg Bachmann

 

Die denkwürdigen Zeilen von Ingeborg Bachmann stammen aus dem Gedicht Wahrlich, das sie einer der bedeutendsten Frauen der russischen Literatur, der Dichterin Anna Achmatova (1889-1966) widmete. Wurde diese noch in den Petersburger Salons gefeiert, war ihr Werk nach der Revolution nicht mehr erwünscht und in der Stalin-Ära massiven Repressalien ausgesetzt. Sie schrieb – allen Zwängen zum Trotz – unbeirrt weiter und erhielt im Dezember 1964 auf Sizilien den Literaturpreis Premio Etna-Taormina. Bachmann war Mitglied der Jury und lernte sie dort kennen. Ihre Begegnung mit ihr hat sie später im Gedicht Wahrlich poetisch vergegenwärtigt.

Auffällig ist der starke Kontrast, mit dem Bachmann darin die Schwierigkeit des wahrhaften authentischen Sprechens zum Ausdruck bringt. So lässt der Titel „Wahrlich“ biblische Stilelemente anklingen, die im Umfeld formelhafter erstarrter Rede und bruchstückhafter Sätze aber zu ersticken drohen. Denn es ist weder dem zu helfen, dem es „ein Wort nie verschlagen“ habe, noch dem, „der nur mit den Worten sich zu helfen wisse“. Vielmehr geht es darum, „einen einzigen Satz haltbar zu machen“, so schwer dieses Unterfangen auch sein mag.

Dies ist die Aufgabe der Dichtung. Die Dichtenden sind einer solchen Spracharbeit verpflichtet, um dem „Bimbam von Worten“ entgegenzuwirken. Ihren Ausdruck findet diese Verpflichtung in der Unterschrift, eine Art eigene Berufung auf eine verbindliche Instanz, die der religiösen Bindung entspricht, daher auch der Titel des Gedichts, der sich bewusst an einen Bibeltext (Johannes 5:24) anlehnt, um dadurch die Legitimation eines wahrhaften Sprechens in den Vordergrund zu stellen.

 

Der Text ist Teil eines künstlerischen Projekts welches die Württembergische Bibliotheksgesellschaft aus Anlass ihres Jubiläums in Auftrag gegeben hatte. Am 5. März 2024 wurde in der WLB die neue künstlerische Arbeit „Typografie im Raum“ als Geschenk ihres Fördervereins vorgestellt.

Die 16 typografischen Interventionen im Neubau greifen alltägliche Situationen und Grenzsituationen mit Stimmen aus der internationalen Weltliteratur auf. Ausgewählt wurden die Texte vom Philosophen Hannes Böhringer, künstlerisch umgesetzt vom Stuttgarter Büro Uebele.

Sie sind eine Fortschreibung der Arbeiten von Josua Reichert (aus dem Hauptgebäude) ins Zeitgenössische und Internationale. Im Rahmen einer Blogreihe werden diese Texte kurz vorgestellt. Als eine Kunst für Leserinnen und Leser können sie zum Nachdenken und zur weiteren Lektüre anregen.