
Mit Gold und Seide – Restaurierung eines Erbauungsbuchs
Teil II: Materialanalysen und Festigung
Der schwarze Samtüberzug des Einbands von Theol. oct. 16323 war stark beschädigt: Das Gewebe war sehr brüchig, der Samtflor weitgehend abgerieben, und der textile Träger wies Fehlstellen und lose Partien auf. Auch die historische Reparatur auf dem Rückdeckel deutet auf Abnutzung durch Gebrauch. Diese Schäden erschwerten die Benutzung massiv. Folglich bestand ein erster Schritt in der Untersuchung des Einbandgewebes, denn das war die Voraussetzung für die Auswahl geeigneter restauratorischer Sicherungsmaßnahmen am Einbandmaterial. Unter dem Mikroskop betrachtete Faserproben ergaben, dass der Samt nicht aus Wolle hergestellt worden war (Foto links). Das Anfärben einer Probe mit Fuchsin bestätigte die Verwendung proteinischer Fasern für das Gewebe, daher ist sehr wahrscheinlich von einem Seidensamt auszugehen (Foto rechts). Dessen Flor ist heute nur noch auf den Einschlägen erhalten, während auf den übrigen Einbandteilen die Webstruktur sichtbar ist.
Was aber war die Ursache für die ungewöhnliche Fragilität des schwarzen Seidensamts? Wir stellten fest, dass das Textil mit einer eisenhaltigen, historischen Färbetechnik gefärbt worden war, denn ein Bathophenanthrolintest wies freie Eisen(II)- und Eisen(III)-Ionen nach. Eisenionen bewirken starken oxidativen Abbau an organischen Materialien und insbesondere Seide ist sehr anfällig dafür. Wir haben überlegt, ob eine in der Papierrestaurierung häufig bei Tintenfraß auf Papier eingesetzte Calciumphytatbehandlung auch hier zur chemischen Stabilisierung hilfreich sein könnte. Das haben wir an einem Fragment überprüft. Das Ergebnis war jedoch unbefriedigend und zu risikoreich, weil schon ein geringer Wassereintrag das Textil von der Deckelpappe ablöste; daher wurde diese Behandlung verworfen. Dagegen erwiesen sich Tests zur Konsolidierung mit ethanolisch angesetzter Celluloseetherlösung als anwendbar für eine flächige Stabilisierung des fragilen Einbandmaterials ohne die Gefahr der Ablösung vom Buchdeckel. Nach dieser Behandlung kann das kleine Erbauungsbuch wieder mit der gebotenen Umsicht gehandhabt werden.


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