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Demokratie: Eine deutsche Affäre

Die Bibliothek für Zeitgeschichte und die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus präsentieren in Kooperation mit der Gerda Henkel Stiftung eine Video-Veranstaltung mit Hedwig Richter. Die Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität der Bundeswehr München spricht über ihr Buch „Demokratie: Eine deutsche Affäre“ und stellt sich den Fragen von Dr. Christian Westerhoff.

Hedwig Richter hebt hervor, dass es lange Zeit als absurde Vorstellung galt, dass alle Menschen gleich sein sollen. Kein Wunder, war das Leben der Menschen zur Zeit der Französischen Revolution doch vor allem von Ungleichheit gekennzeichnet. Erst mit der Verbesserung der Lebensumstände während des 19. Jahrhunderts konnte sich die Idee der Gleichheit und Beteiligung immer weiterer Kreise der Bevölkerung durchsetzen. Denn erst, wenn Menschen nicht mehr hungern müssen und nicht mehr geschlagen werden, ist ihre Würde im Sinne von Artikel 1 des Grundgesetzes unantastbar. So vertritt Richter die These, dass sich die Entwicklung demokratischer Standards anhand des Umgangs mit dem Körper ablesen lässt. Frauen seien auch deswegen lange vom Wahlrecht ausgeschlossen gewesen, weil sie nicht selbst über ihren Körper verfügen konnten und somit nicht als mündige Bürgerinnen galten. Die Skandalisierung von Armut und Ungleichheit sowie das zunehmende Mitleid trugen wesentlich zur Demokratisierung bei; ein Aspekt, der bisher wenig Beachtung gefunden hat.

Hedwig Richters Geschichte der deutschen Demokratie ist trotz aller Herausforderungen und Rückschläge eine positive Geschichte, „denn Krisen gehören zur DNA der Demokratie“, wie sie betont. In früheren Darstellungen galt es oft als Geburtsfehler des Kaiserreichs, dass die Reichsleitung und der Reichskanzler nicht dem Parlament, sondern dem Kaiser gegenüber verantwortlich waren. Dem hält Hedwig Richter entgegen, dass der Reichstag durchaus Wirkungsmacht gehabt habe und die Sozialdemokratie einen wesentlich größeren Einfluss auf die Regierungspolitik gehabt habe als bisher angenommen.

Dem im 19. Jahrhundert aufkommenden Nationalismus schreibt die Historikerin eine wichtige Rolle bei der demokratischen Entwicklung zu, sorgte er doch für ein Zusammengehörigkeitsgefühl der – damals meist männlichen – Bürger. Gleichzeitig steht er spiegelbildlich für die gerade in Deutschland nicht unerheblichen Schattenseiten der Massenmobilisierung.

Den großen Unterschied zur Demokratiegeschichte anderer Länder bildet der Holocaust; die totale Entwürdigung des Körpers der Verfolgten des NS-Regimes, wie Richter es nennt. Nach dem Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus entstand eine bis heute gut funktionierende Demokratie, auch weil 1945 nicht bei null angefangen werden musste, sondern auf alten Fundamenten der Demokratie aufgebaut werden konnte.

Mit Blick auf die aktuelle Entwicklung empfiehlt die Historikerin, gefährliche Entwicklungen wie den Populismus im Blick zu haben und durchaus auch zu problematisieren, jedoch nicht in Angststarre zu verfallen. „Demokratie ist eine Affäre voller Krisen, aber auch voller Glück und Neuanfang, gerade für die Deutschen. Die Affäre geht weiter. Die Zukunft ist offen, und vermutlich ist sie hell“ – so der Schlusssatz ihres Buches.

Die Veranstaltung ist online auf L.I.S.A. abrufbar.

 

Buchcover: C.H. Beck Verl.

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