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Vor 100 Jahren…

Seit vielen Jahrzehnten ist die Bibliothek für Zeitgeschichte eine etablierte Anlaufstelle für Forschung, Lehre, Ausstellungsmacher, Publizisten und historisch Interessierte in Stuttgart. Gegründet wurde sie 1915 jedoch nicht am Neckar, sondern an der Spree. Erst einige Jahre später, im Oktober 1920, kommt die damalige Weltkriegsbücherei in 13 Eisenbahnwaggons von Berlin nach Stuttgart. 1.500 Kisten voller Bibliotheksgut werden ins Schloss Rosenstein gebracht.

Die Geschichte der Weltkriegsbücherei beginnt mit dem Ersten Weltkrieg. Schon bald nach Kriegsausbruch sammeln Archive und Bibliotheken – aber auch Privatpersonen –  die massenhaft in Umlauf gebrachten Zeitungen, Bücher, Fotos, Plakate, Flugblätter, Postkarten und anderen Medien. Die größte private Sammlung legt der aus Ludwigsburg stammende Unternehmer Richard Franck an, dessen Firma „Heinrich Franck Söhne“ während des Krieges mit Ersatzkaffee große Gewinne einfährt. Die an seinem Wohnsitz in Berlin zusammengetragenen Bestände stechen aufgrund ihres internationalen Charakters aus der Masse der Kriegssammlungen hervor.

Die Wohnungsnot der Nachkriegszeit zwingt Franck 1920 schnell eine neue Bleibe für seine Sammlung zu suchen. Die Weltkriegsbücherei erhält im April des Jahres Besuch von einem Vertreter des Berliner Wohnungsamtes, der dem ersten Sammlungsleiter Friedrich Felger „in ziemlich energischem Ton“ erklärt, „dass die 5 Wohnungen der Weltkriegsbücherei unter keinen Umständen länger der Benutzung durch obdachlose Familien vorenthalten werden können.“ Die Weltkriegsbücherei muss gegenüber dem Berliner Wohnungsamt „eine bindende Erklärung abgeben, dass sie bis zum 1. Oktober 1920 das Feld räumt“.

In dieser schwierigen Lage trifft es sich gut, dass die württembergische Staatsregierung großes Interesse an der Sammlung zeigt. So heißt es in einem Schreiben des Finanzministeriums an Richard Franck, die württembergische Regierung „würde es sich zur ganz besonderen Ehre anrechnen, die Weltkriegsbücherei, welche ein einzig dastehendes Forschungsinstitut für die Geschichte des Weltkriegs bilden wird, in ihren Räumen aufnehmen zu dürfen.“ Tatsächlich erhält die Weltkriegsbücherei den rechten Flügel von Schloss Rosenstein zur unentgeltlichen Nutzung. So zieht Francks Weltkriegssammlung im Oktober 1920 nach einigen baulichen Veränderungen (Heizung, Toiletten, Telefonanlage) in das Schloss ein. Außer dem Leiter der Weltkriegsbücherei siedeln auch sechs der 25 Berliner Mitarbeiterinnen nach Stuttgart über – laut Felger nur die „erprobtesten und erfahrensten“.

In Stuttgart angekommen, sieht man sich mit zahlreichen Schwierigkeiten konfrontiert. Auch in der „Hauptstadt des Schwabenlandes“ herrscht Wohnungsnot und die Lebensmittelversorgung gestaltet sich schwierig. Die Bürger Stuttgarts bereiten ihnen einen recht frostigen Empfang: „Es war ja für uns Berliner überhaupt sehr schwer, als ‚unerwünschte Saupreuss‘ in Stuttgart Fuss zu fassen“, erinnert sich Jahre später Lisbeth Wenngatz. „Wir sollten ja damals nicht mal Lebensmittelkarten erhalten.“ Erst mit der Zeit änderte sich die Einstellung der Stuttgarter: „Später hatte es sich ja herumgesprochen, dass wir zum ‚Franckbetrieb‘ gehörten und mir ist es stets passiert, wenn ich mal zum ‚Königsbau‘ hinunterkam, dass die Leute sagten: Das sind die Mädels vom Schloss Rosenstein.“

Am 21. Mai 1921 öffnet die Weltkriegsbücherei als für jedermann zugängliche wissenschaftliche Spezialbibliothek ihre Pforten. Insbesondere während der Inflation, als die staatlichen Bibliotheken kaum noch ausländische Literatur anschaffen können, wird die Weltkriegsbücherei von Hochschullehrern und Studenten gern genutzt. Die Stuttgarter Bevölkerung versorgt sich hier derweil mit Unterhaltungsliteratur. Heute ist die 1948 in „Bibliothek für Zeitgeschichte“ umbenannte Einrichtung eine der größten Spezialbibliotheken zur Zeitgeschichte in Europa und mit ihrer Vortragsreihe eine feste Größe im kulturellen und wissenschaftlichen Leben Stuttgarts.

 

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