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Collage: Rafael Glatzel, WLB (darin verwendete Objektdigitalisate: StGA; darin verwendete Startseitengrafik: Daniel Helbig)

Rosen und Disteln. Eine digitale George-Ausstellung

Täglich grüßt das Murmeltier. Und an jedem 12. Juli jährt sich Stefan Georges Geburtstag. Aber, wird sich mancher fragen: Wer war Stefan George?

1868 kurz vor Gründung des Deutschen Kaiserreichs noch im Großherzogtum Hessen unmittelbar an der Grenze zur Rheinprovinz des Königreichs Preußen geboren und am Ende des Krisenjahrs 1933 in Muralto in der Schweiz verstorben, war Stefan George ab Ende des 19. Jahrhunderts und bis weit in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein einer der bekanntesten deutschsprachigen Lyriker. Bekannt waren dabei nicht nur seine Gedichte. Auch sein Gesicht war bereits lang vor Beginn der Instagram-Epoche fast eine Marke.

Im Jahr 2018 wiederholte sich Georges Geburtstag zum 150. Mal. In den Feuilletons erschienen zahlreiche Artikel, die sich mit Georges Bedeutung als epochalem Lyriker, seinem umstrittenen Leben als ‚Guru‘ seines Anhängerkreises und nicht zuletzt mit der Frage nach sexualisierter Gewalt in seinem und dem Umfeld seiner Nachahmer beschäftigten. Eine großangelegte Fernseh-Dokumentation wurde auf 3sat ausgestrahlt, unpublizierte Texte aus Georges Nachlass wurden im Verlag Klett-Cotta gedruckt und auf Einladung der George Stiftung sprachen Ernst Osterkamp, Monika Rinck und Jan Wagner im Stuttgarter Literaturhaus. Das George Archiv in der WLB zeigte eine Ausstellung und richtete dazu eine simple Frage an seine großen Bestände:

Was bekam der Dichter Stefan George seinerzeit eigentlich für Glückwunschpost? Welche Rolle spielte sein Geburtstag zu seinen Lebzeiten? Anhand von zwanzig Briefen ließ sich eine deutsche Wirkungsgeschichte, ließ sich die Geschichte einer historischen Faszination erzählen. Zwanzig Stücke standen stellvertretend für einen Werkzusammenhang, der sich allein im StGA in mehr als 120.000 Archivalien niederschlägt. Zwanzig Schreiben, die in der digital erweiterten Ausstellung nun flankiert werden von zahlreichen historischen Fotos, kontextualisierenden Schriftstücken, Zeitungsartikeln und nicht zuletzt Digitalisaten der Erstausgaben von Georges Gedichtbänden, auf denen der ‚Hype‘ um den Dichter vor allem gründete und gründet.

Im Zentrum stehen aber auch in der digitalen Fassung die historischen Glück­wünsche: Ein Schreiben der Schwester Anna George (1896), Briefe der frühen Künstlergenossen Melchior Lechter (1897) und Karl Wolfskehl (1898) oder späterer George-‚Kreisler‘ wie Friedrich Gun­dolf (1911), Ernst Morwitz (1918), Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1931) und Ernst H. Kanto­ro­wicz (1933) sind zu sehen. Tragisches, wie das Verehrungszeugnis des erst jüngst musikalisch wieder­entdeckten Komponisten Wilhelm Walther (1911), oder Kurioses, wie das „Glaubens-Bekennt­nis“, das eine unbekannte junge Mutter anlässlich von Georges 50. Geburtstag (1918) verfasste, wechselt sich ab mit Offiziellem: Zum 60. Geburtstag gratulierten Reichspräsident Paul von Hinden­burg oder die Preußi­sche Akademie der Künste (1928). Fünf Jahre später meinte NS-Propaganda­mini­ster Joseph Goebbels George zum 65. Geburtstag als „Seher“ beglückwünschen zu können (1933).

Begeisterung und Verehrung, Unterwerfung und Überhöhung, Anerkennungssehnsucht und Verein­nahmungs­wille, gelegentlich auch nur der unbedingte Wunsch nach einem Autogramm: Die Motivationen der Gratulanten zu ihren Briefen waren so vielfältig wie die mit den Glückwünschen verbundenen Geschichten bisweilen zwiespältig. Es sind Rosen und Disteln gleichermaßen zu entdecken. Und wenn es auch keine gute Tugend ist, Verse aus Gedichten zu reißen, sie damit um ihre eigentlichen Kontexte zu bringen und sie in andere, ihnen fremde Zusammenhänge zu stellen, als Einladung zu unserer digitalen Ausstellung passt Georges wohl berühmtester Vers, die Eingangszeile eines nicht übertitelten Gedichts aus Das Jahr der Seele von 1897 doch. Komm in den totgesagten Park und schau:

                                Rosen und Disteln. Eine digitale Ausstellung

 

 

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