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Kunst am Bau: Josua Reichert – Die Stuttgarter Drucke 1971–1973

Wer sich durch die weitläufigen Räumlichkeiten der Württembergischen Landesbibliothek bewegt, dem fallen sehr wahrscheinlich die großformatigen typografischen Drucke ins Auge, die auf allen Ebenen an Wänden und Pfeilern angebracht sind. Was hat es damit auf sich?

Das Gebäude der Württembergischen Landesbibliothek wurde im Sommer 1970 fertiggestellt, und wie bei allen öffentlichen Bauten des Bundes und der Länder sollte auch hier ein – kleiner – Teil der Bausumme zur künstlerischen Gestaltung als sogenannte ‚Kunst am Bau‘ verwendet werden.

Der 1937 in Stuttgart geborene Künstler Josua Reichert – für seine typografischen Drucke und Schrift-Bilder bekannt – wurde damit beauftragt, eine Serie von Drucken für den Neubau zu entwerfen und anzufertigen. Dabei erhielt er für die Wahl des Themas völlig freie Hand.

Josua Reichert wählte Gedichte und Texte aus 2.500 Jahren der Weltliteratur, wobei ihm nach eigener Aussage die Texte „in erster Linie ein Vorwand für die Typografie“ waren. Beim Betreten des Gebäudes durch den damaligen Haupteingang zur Konrad-Adenauer-Straße wurde der Besucher am Aufgang von sechs Buchstabenbildern  – arabisches Vav, hebräisches Mem, lateinisches P und Q, kyrillisches Jat, lateinisches V, griechisches Psi –  empfangen. Jeder Buchstabe sollte laut Reichert „ein Keimling sein, aus dem verschiedenartigste Typografie“, Gedichte, Wörter, Sätze hervorgehen, die sich durch das Gebäude verbreiten. Und so begegnet man auf den vier Geschossebenen der WLB unter anderem Hölderlins Gedicht An die Parzen, Gertrude Steins A rose is a rose is a rose sowie Texten des orientalischen Dichters Hafis, Trakls, Lasker-Schülers und Kafkas.

Wer hat schon entdeckt, dass der Druck am Pfeiler neben der Freitreppe – ein sogenanntes Sator-Quadrat – ein Satzpalindrom ist, welches in vier Richtungen gelesen werden kann?