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Die Schule von Athen. Raffael, 1510 bis 1511, Fresko im Apostolischen Palast

Wissen teilen

Wissen wirtschaftlich zu verwerten, ist mit Aufkommen des Internets ein wesentlicher Bestandteil des Wirtschaftssystems geworden. Und ohne das Zutun der großen Suchmaschinen und Social-Media-Angebote sowie der großen Verlagskonzerne und Datenanbieter wären die Fortschritte und Gewinne aus der Globalisierung kaum möglich gewesen. Wissen zu teilen, wurde so zu einem lukrativen Geschäft.

Wenn die Landesbibliothek für das Teilen von Wissen wirbt, ist natürlich anderes gemeint. Denn je mehr das Wissen zum Geschäft wird, um so höher sind die Aufwendungen, welche insgesamt dafür zu erbringen sind. Die wirtschaftliche Ausbeutung von Wissen trägt sich nur, wenn diejenigen ausgeschlossen werden, die nicht bereit oder nicht in der Lage sind, sich an den Aufwendungen zu beteiligen. Ein Teil dieser Wissensökonomie wird durch Werbeeinnahmen gegenfinanziert. Aber im Wettbewerb um die Werbeeinnahmen gewinnt schon immer das Angebot, welches diese Werbung am zielgenauesten platziert. Die Werbung sucht ihren Platz im Kontext des wahrscheinlichsten Käufers. Je mehr ich über die Interessen der Käufer weiß, um so spezifischer kann ich Werbung platzieren. Je mehr attraktiven Content ich mit der spezifischen Werbung der Zielperson zur Verfügung stelle, um so bequemer wird es für sie. Der attraktivste Content muss dabei keineswegs die verlässlichste Information sein. Wir schätzen die Bequemlichkeit dieser aufgrund unserer Nutzungsdaten personalisierten Dienste alle. Die meisten wissen um die Probleme des Datenschutzes und auch um die Gefährlichkeit der so entstehenden Filterblasen wegen der dadurch erfolgenden Bestärkung von Geschmacksurteilen, Weltanschauungen oder Vorurteilen. Viele halten dies für eine Bedrohung der Demokratie.

Der Ansatz der Firmen, welche die Möglichkeiten des Urheberrechts nutzen, um im Interesse der einzelnen Autoren für eine Verbreitung der Werke zu sorgen, beruht auf dem Prinzip des kostenpflichtigen Zugangs, es sei denn, es handelt sich um vorab ausfinanzierte Publikationen. Oftmals besteht keine Alternative zum Bezug, gibt es die Inhalte nur in dieser Publikation und ist die Position des Verlags gegenüber Autoren, Bibliotheken und Lesern dadurch stark. Angesichts der enormen Preissteigerungen vor allem in Bereichen der naturwissenschaftlichen und technischen Literatur mussten die Bibliotheken mehr und mehr Titel abbestellen, hat sich die Literaturversorgung verschlechtert. Da dies unerträglich und angesichts des Internets für die Forschenden unverständlich wurde, sind informelle oder rechtswidrige Bezugsalternativen entstanden, aber auch eine große Bewegung zugunsten des Open-Access-Publizierens. Letztere hat dazu geführt, dass in den Industrienationen mehr Mittel zur initialen Ausfinanzierung der Publikationen bereitgestellt werden.

Schwer zu überschauen wird die Lage dadurch, dass die wissenschaftlichen Disziplinen aufgrund der Art der benötigten Texte in unterschiedlichem Maße auf Bücher und Zeitschriften, auf gedruckte und digitale Bezugsformen angewiesen sind. Bieten die digitalen Formen den leichteren Zugriff und ein hohes Potential für die Nutzung texttechnologischer Hilfsmittel, so fällt den meisten die genauere Lektüre oder das Lernen mit der gedruckten Form leichter. Manche Inhalte brauchen die Versenkung des Lesers in ihre Lektüre, um verstanden zu werden. Der freie Zugang, eine dauerhafte Zugänglichkeit und eine verlagsübergreifende Aufbereitung für den Einsatz texttechnologischer Hilfsmittel lassen sich weder durch den einzelnen Verlag noch durch eine Suchmaschine oder eine Social-Media-Plattform realisieren.

Wissen zu teilen, war schon immer die Aufgabe der Bibliotheken. Um den digitalen Anforderungen gerecht zu werden, haben sie noch einen weiten Weg vor sich. Bibliotheken als neutrale Instanz, als dritter Ort, bieten die Gewähr, dass Wissen aller Anbieter dauerhaft aufbereitet und bereitgestellt werden kann, unabhängig von Ihrer Kaufkraft und ohne dass Sie die Daten Ihres Nutzungsverhaltens als Gegenleistung preisgeben oder Werbung hinnehmen müssen. Viele meinen, das Internet mache Bibliotheken überflüssig! Wenn Sie dann bitte die andere Auffassung mit Ihren Gesprächspartnern teilen, helfen Sie Ihrer Bibliothek und der freien Zugänglichkeit des Wissens!

Wir brauchen Open Access und Verlage zur Unterstützung der Autorinnen und Autoren.
Wir brauchen Suchmaschinen und Social Media für das Verfolgen unserer Interessen.
Wir brauchen Bibliotheken, um Wissen zu teilen.

Dr. Rupert Schaab
Direktor