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Die Schule von Athen. Raffael, 1510 bis 1511, Fresko im Apostolischen Palast

Wissen teilen II

Bibliotheken sind soziale Orte ersten Ranges. In vielen Bildungskarrieren spielen sie eine wichtige Rolle, viele fachliche und private Kontakte werden hier geknüpft, auf dieser Bühne des Lernens und Forschens schauen sich viele das kleine Handwerkszeug ab, lernen viel von anderen, ihren Rhythmus zwischen Konzentration und Pausen zu finden. Wie der Rahmen bzw. Ausschnitt das Bild und die Pause die Musik wesentlich gestalten, so kann eine gute Bibliothek mit einem geeigneten Setting das Lernen und Arbeiten befruchten.

Mit dem bald zu eröffnenden Erweiterungsbau der Landesbibliothek hoffen wir dazu beizutragen. Zwar wird die Einrichtung der Cafeteria noch ein klein wenig brauchen und können die Gruppenarbeitsplätze infolge der Corona-Epidemie noch nicht genutzt werden, doch mit ersten Änderungen versuchen wir, das Wissen Teilen zu fördern. Es gibt nicht mehr einen Lesesaal, in dem man mit Mühe noch einen Platz bekommt, es gibt nun vier Ebenen voller Bücher in fachlich geordneter Aufstellung. (Wir haben die letzten Monate intensiv genutzt, um die Menge der fachlich aufgestellten Literatur im Bereich der neueren Publikationen erheblich auszuweiten.) Wenn Sie beispielsweise gerade Strafrecht lernen, stoßen Sie bei Ihren Büchern auf andere Besucher, die sich damit auseinandersetzen. Das neue Reservierungssystem können Sie so nutzen, dass Sie nach Möglichkeit bei der juristischen Literatur einen Platz finden. In den Pausen können Sie untereinander das Gespräch suchen. Sie stoßen am Regal aber auch auf viele zugehörige Titel, die Ihnen nicht bekannt waren. Selbst wenn Sie im Moment nicht die Zeit dafür haben, erfahren Sie, dass da noch anderes ist. Bildung ist, nicht alles zu wissen, aber eine Ahnung von dem zu haben, was es sonst noch gibt. Sonst verliert man das Ganze aus dem Blick bzw. die Maßstäbe.

Prominent stoßen Sie im Erweiterungsbau auf Stationen mit öffentlichen Displays. Hier werden wir nach und nach großen und attraktiven Informations-, Medien- und Datenbeständen einen Anker in der Wirklichkeit geben. Viele würden viel besser genutzt, wüssten mehr Personen von ihnen. Davon dass gelegentlich etwas in der Trefferliste einer Suchmaschine auftaucht, nehmen wir noch lange nicht das Angebot als solches wahr. Unsere Erinnerung scheint topologisch organisiert. Wissen zu verorten, macht es leichter abrufbar. Aber wir wollen damit auch Ihre Neugier wecken. Sie finden hinter dem Display einen Rechner mit Zugriffen und Anleitungen zu diesen Wissensbeständen. Sie finden dort die Kontaktdaten der betreuenden Bibliothekarinnen und Bibliothekare oder der Kolleginnen und Kollegen unserer Partner, wenn Sie weiterführende Interessen haben (die Idee für eine Seminararbeit, ein Projekt oder was auch immer). Sie können wichtige Teile der Informationsinfrastruktur anderer Fächer erkunden. Vor allem können wir Ihnen so Inhalte anbieten, welche Sie im Netz nicht oder kaum finden. Wir sind unseren Partnern sehr dankbar, dass sie sich bereit erklärt haben, diese Ankerplätze zu bespielen, Wissen zu teilen.

Am Eingang der Bibliothek machen wir mit drei Displays aufmerksam auf neue Angebote der Bibliothek, vor allem aber auf Ausstellungen und Vorträge in unserem neuen Veranstaltungsbereich. Stuttgart hat zwar sehr viele wissenschaftliche Einrichtungen, aber es wird immer wieder beklagt, dass die Wissenschaften in der Stadtgesellschaft zu wenig präsent sind. Wir wollen ein Podium und einen Schauraum für die Wissenschaften bieten. Für das Vortragsprogramm suchen wir weitere Partner aus den Wissenschaften. Bei den Ausstellungen können wir insbesondere Material aus unseren Sondersammlungen einem breiteren Publikum zugänglich machen. Nicht die Fachkonferenz für die Experten, die nicht ohne weiteres lesbare Handschrift, sondern die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Zusammenhänge an Fachfremde, an die breitere Öffentlichkeit steht im Vordergrund. Wie nötig das ist, mussten wir alle zuletzt bei der Beschäftigung mit Corona feststellen. Wissen Teilen ist auch eine Aufgabe der Forschung. Als erstes werden wir die Vortragsreihe unserer Bibliotheksgesellschaft über das Lesen wieder aufnehmen – von den Altertumswissenschaften bis zur Hirnforschung. Leider müssen wir wegen Corona vorerst die Anzahl der Teilnehmer auf 25 begrenzen. Die Vorträge unserer Bibliothek für Zeitgeschichte zeichnen wir deshalb bereits auf und bieten sie im Internet an. Ein schwacher Trost, geht es doch beim Wissen Teilen doch eigentlich darum, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Dr. Rupert Schaab
Direktor