
Was verraten die Augen beim Lesen?
Beim Lesen eines Textes bewegt sich unser Blick keineswegs gleichmäßig von Wort zu Wort. Manche Wörter werden mehrfach fixiert, andere überspringen wir ganz und zu bestimmten Textstellen kehren wir immer wieder zurück. Diese Blickbewegungen spiegeln die kognitiven Prozesse wider, die unserer Sprachverarbeitung beim Lesen zugrunde liegen, von der Erkennung einzelner Wörter, über die syntaktische Verarbeitung bis hin zum Verständnis des Diskurszusammenhangs. Ein großer Teil unseres Wissens darüber, wie Menschen Sprache verarbeiten, stammt aus der Analyse solcher Blickbewegungen. Mithilfe von Eyetracking (Blickbewegungsmessung) konnte gezeigt werden, dass bestimmte syntaktische Strukturen leichter zu verarbeiten sind als andere, dass wir Sätze inkrementell, also Wort für Wort, verarbeiten, anstatt auf ihr Ende zu warten. Und dass wir dabei ständig unbewusst Vorhersagen darüber treffen, wie ein Satz weitergehen wird. Außerdem spielt das Arbeitsgedächtnis eine zentrale Rolle beim Lesen, und unter bestimmten Umständen übersehen wir sogar systematisch, dass ein Satz ungrammatisch ist. Dank aktueller Fortschritte in der Computerlinguistik und im maschinellen Lernen lassen sich Eyetracking-Daten heute auch für praktische Anwendungen nutzen. So eröffnen sich neue Möglichkeiten für individuell angepasste Lesehilfen, für dynamische Werkzeuge zur Unterstützung von Menschen mit unterschiedlichen Lesefähigkeiten und für eine frühzeitige Erkennung von Legasthenie. Der Vortrag gibt einen Einblick, wie die Blickbewegungsforschung zu zentralen Erkenntnissen in der kognitionswissenschaftlichen und linguistischen Grundlagenforschung beigetragen hat, und wie die Analyse von Blickbewegungsdaten heute genutzt werden kann, um alltagsnahe technologische Anwendungen zu entwickeln.
Prof. Dr. Lena A. Jäger ist in Stuttgart-Bad Cannstatt aufgewachsen und studierte Sinologie und Romanistik an den Universitäten Freiburg, Shanghai und Paris. Nach einem Masterstudium in Linguistik promovierte sie 2015 an der Universität Potsdam im Bereich Kognitionswissenschaft und schloss parallel ein Informatikstudium ab. Nach Stationen in der linguistischen Methodenentwicklung und im Maschinellen Lernen leitete sie eine BMBF-geförderte Nachwuchsgruppe an der Universität Potsdam. Seit 2020 ist sie Professorin an der Universität Zürich und forscht an der Schnittstelle von Sprachverarbeitung, Blickbewegungsforschung und Maschinellem Lernen.
Was? Vortrag von Prof. Dr. Lena A. Jäger (Zürich)
Wann? Mi, 21. Januar 2026, 18 Uhr
Wo? Württembergische Landesbibliothek, Saal (Konrad-Adenauer-Str. 10, 70173 Stuttgart)
Wie? Hybrid-Veranstaltung; vor Ort und im Livestream

Weiterführende Informationen
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