
Neuerschienene Handschriftenkataloge, Teil I: Wolfgang Metzger, Theologische Handschriften des Mittelalters
Figurengedichte, Predigtentwürfe und ein badender König – Theologische und philosophische Handschriften aus dem Mittelalter an der WLB
Zum Jahreswechsel 2025/26 erschien der zweibändige Katalog mit Beschreibungen von insgesamt 169 mittelalterlichen theologischen und philosophischen Handschriften der ehemals Herzoglich Öffentlichen Bibliothek Stuttgart. Erarbeitet wurde der Katalog von Dr. Wolfgang Metzger. Die darin enthaltenen Einzelbeschreibungen sind auch im Handschriftenportal zu finden. Die nun erschienenen Katalogbände enthalten jedoch zusätzlich auch jeweils eine instruktive Einleitung, in denen die gewonnenen Erkenntnisse zu Entstehungszusammenhängen, Provenienz- und Besitzgeschichte sowie zahlreichen anderen interessanten Aspekten zusammengeführt und gebündelt werden. Das Ergebnis dieser mehrere Jahre dauernden Erschließungstätigkeit kann sich sehen lassen: In den beiden Katalogbänden fächert sich eine Fülle von Themen und Textgattungen auf, denn die beschriebenen Handschriften überliefern wichtige philosophische Werke von der Antike bis zum Humanismus ebenso wie Predigtsammlungen, Erläuterungen zur Liturgie oder Schriften zu allgemeineren Themen christlicher Ethik.
Ein bemerkenswertes Beispiel für den Ausdruck christlicher Spiritualität ist das berühmte Werk „De laudibus sanctae crucis“ des Hrabanus Maurus mit seinen komplexen Figurengedichten, das gleich in drei Handschriften vertreten ist (Cod. theol. et phil. 2° 39, 40 und 122). Wie Predigttätigkeit im 15. Jahrhundert ganz konkret aussehen konnte, belegt in beeindruckender Weise ein Band, den ein in Oberschwaben tätiger Geistlicher höchstwahrscheinlich für seinen eigenen Bedarf anlegte (Cod. theol. et phil. 2° 20). Selten lässt sich der Entstehungsprozess von Predigttexten im Spätmittelalter so plastisch nachvollziehen wie in diesem Band. Das vielfältige Quellenmaterial, aus dem der Schreiber für seine Predigttexte schöpft, reicht von den Lebensbeschreibungen der ersten christlichen Eremiten und Mönche über die einflussreiche mittelalterliche Geschichtensammlungen „Gesta Romanorum“ bis hin zu Anekdoten aus dem Lebensumfeld des Schreibers. Aufschlussreich sind auch die zahlreichen Randbemerkungen, in denen der Schreiber unter anderem notierte, wann und wo er seine Predigten hielt.
Es überrascht nicht, dass das Latein als Sprache der Gelehrten in diesem Bestandssegment dominiert. Eine der wenigen Ausnahmen stellt eine Sammelhandschrift dar, die neben Texten der deutschen Mystik wie Heinrich Seuses „Büchlein der ewigen Weisheit“ unter anderem die in Versen gehaltene Erzählung „Der König im Bade“ enthält. Hier wird geschildert, wie es einem König ergeht, der die Worte „Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen“ aus dem Magnifikat (Lk 1, 52) aus allen Büchern tilgen lässt.
Bilder
links: Cod. theol. et phil. 2° 19, Bl. 116v: Der König im Bade (Papier, Oberrhein, um 1428-1430),
rechts: Cod. theol. et phil. 2° 122, Bl. 3v: Rabanus Maurus, De laudibus sanctae crucis (Pergament, Kloster Lorch, 1489/90)


Bibliographische Angabe:
Die Handschriften der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart,
Erste Reihe, Sechster Band: Codices Theologici et philosophici in Folio. Erster Teilband: Die mittelalterlichen Handschriften, bearbeitet von Wolfgang Metzger.
Erster Teil: Cod. theol. et phil. 2° 1 – 150
Zweiter Teil: Cod. theol. et phil. 2° 151 – 256
zur Verlagsseite: https://www.harrassowitz-verlag.de/titel_7608.ahtml
Vorankündigung:
Die nächste Neuerscheinung unter den Handschriftenkatalogen wird Bibelhandschriften zum Inhalt haben und Mitte 2026 erscheinen:
Die Handschriften der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart, bearbeitet von Regina Hausmann unter Mitarbeit von Carsten Kottmann, Erste Reihe, Vierter Band: Codices Biblici in Folio (Cod. bibl. 2° 1 – 90)