
Hölderlins Tinten
Ein Forschungsprojekt, das an der Württembergischen Landesbibliothek durchgeführt und von ihr koordiniert wurde, zeigt jetzt das Verhältnis von Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften in ungewohnter Sicht. In engem Zusammenwirken von philologischer Fragestellung und materialwissenschaftlicher Untersuchungsmethode konnten neue Erkenntnisse zur Datierung von Friedrich Hölderlins lyrischem Spätwerk gewonnen werden. Sie werden im soeben erschienenen Band 44 des »Hölderlin-Jahrbuchs« veröffentlicht.
Dem Literaturwissenschaftler Hans Gerhard Steimer als Initiator war das Unternehmen mäzenatisch ermöglicht worden von Alfredo Guzzoni, Berlin. Mittels Röntgenfluoreszenzanalyse untersuchte Prof. Oliver Hahn von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) die vom Dichter in Schriftstücken aus den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts verwendeten Eisengallustinten. In Abstimmung mit der Handschriftenabteilung wurden die Untersuchungen im Hölderlin-Archiv durchgeführt. Ein erster Bericht erschien in »Wissen teilen« 2025/1 . Die Auswertung der Messdaten ergibt nun unter anderem, dass sich die von Hölderlin im mütterlichen Haus in Nürtingen bis zum Weggang im Juni 1804 gebrauchte Tinte von einer dann während des Aufenthalts als Bibliothekar in Homburg gebrauchten Tinte unterscheiden lässt. Damit wird zum ersten Mal die letzte Arbeitsphase des Dichters in den überlieferten Handschriften seines Spätwerks erkennbar.
Zum Online-Angebot der WLB gehört seit 2020 die digitale »diachrone Darstellung« von Hölderlins Homburger Folioheft, deren Erarbeitung die A und A Kulturstiftung ermöglichte. Sie ist jetzt mit einer neuen Abteilung »Tinten« ergänzt um die Ergebnisse der Tintenanalyse, soweit sie das Folioheft betreffen. Hier sind die unterschiedlichen Tinten durch Einfärbung der Schriftzüge voneinander abgehoben. So werden die verschiedenen Arbeitsphasen auf einen Blick unterscheidbar.
Im abgebildeten Ausschnitt der Seite 67 des Homburger Foliohefts notiert Hölderlin unter den noch in Nürtingen geschriebenen Vers „So schlä[g]t die Leier Apoll.“ mehrere Ergänzungen mit der Homburger Tinte, darunter die hier hervorgehobenen Zeilen „Immer, Liebes! gehet / Die Erd, und der Himmel hält.“ Die Angesprochene ist die verstorbene Geliebte Susette Gontard. Mit ihr zusammen dürfte der Dichter in der glücklichsten Zeit seines Lebens Schillers »Musen-Almanach für das Jahr 1797« gelesen haben. Er enthielt Schillers Epigramm »Jugend«: „Einer Charis erfreuet sich jeder im Leben, doch flüchtig, / Hält nicht die Himmlische sie, eilet die Irrdische fort.“ Daran erinnert Jahre später, nun in Trauer, Hölderlins Homburger Notiz.
Weiterführende Informationen
Hahn, Oliver; Steimer, Hans Gerhard: Die Tintenspuren Hölderlins.
In: ‚Wissen teilen‘ 2025/1, S. 10-13 https://journals.wlb-stuttgart.de/index.php/wissenteilen/article/view/15630
Link zur diachronen Darstellung des Homburger Foliohefts: https://homburgfolio.wlb-stuttgart.de/
Direktlink zur neuen Abteilung »Tinten«: https://homburgfolio.wlb-stuttgart.de/tinten
Ergebnisse der Röntgenfluoreszenzanalyse: https://zenodo.org/records/17193421