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Hölderlin und Stuttgart

Im Jubiläumsjahr widmet die Württembergische Landesbibliothek Friedrich Hölderlin eine große Ausstellung auf der Basis der breiten Bestände ihres Hölderlin-Archivs. Sie wird am kommenden Montagabend, dem 12. Oktober eröffnet und kann bis zum 10. Januar 2021 besichtigt werden. Ein Hauptthema betrifft Hölderlins Beziehung zu Stuttgart. Dabei lassen sich verschiedene Perspektiven gewinnen, die die große Rolle Stuttgarts als Hölderlin-Ort zeigen.

Die württembergische Residenzstadt war für Hölderlin um 1800 ein wichtiger Ort. Hier lebten viele seiner Freunde, allen voran der Theologe Christian Ludwig Neuffer und der Kaufmann Christian Landauer. Hier erreichte er nach seiner Rückkehr aus dem Frankfurter Raum einen Wendepunkt, der sich deutlich auf sein Leben und sein Werk auswirken sollte. Die Gedichte „Stutgard“, „Brod und Wein“ sowie „Der Gang aufs Land“ stehen für einen weitreichenden poetischen Neubeginn. Die Elegie wird seine bevorzugte lyrische Gattung und bildet ein wichtiges Bindeglied zu den späteren Hymnen. Zudem erhoffte sich Hölderlin in Stuttgart neue Kontakte zu Verlegern und damit neue Publikationsmöglichkeiten. Seine Stuttgarter Zeit war nach den Rückschlägen in Frankfurt von großer Hoffnung und Zuversicht geprägt. Stellvertretend hierfür steht das Offene, das Losgelöst-Sein von allen Zwängen. Er suchte zur persönlichen und dichterischen Entfaltung eine neue Freiheit, einen offenen, weiten Raum, wie es in den Stuttgarter Gedichten immer wieder zum Ausdruck kommt. Das neue Freiheitsgefühl hat auch einen politischen Kontext: So hoffte er wie seine republikanisch gesinnten Freunde in Anknüpfung an die Ideale der Französischen Revolution auf einen politischen Neubeginn. Diese Kontakte führten ihn später in einen großen Konflikt mit der Obrigkeit, als er in Verbindung zu einer möglichen Verschwörung gegen den württembergischen Regenten gebracht wurde.

Aber Stuttgart spielte nicht nur im Leben Hölderlins eine wichtige Rolle, auch die außergewöhnliche Rezeption Hölderlins, die Anfang des 20. Jahrhunderts ihren entscheidenden Wendepunkt nahm, ging von Stuttgart aus. Hier in der königlichen Landesbibliothek entdeckte Norbert von Hellingrath im November 1909 neben den Pindar-Übersetzungen bisher nicht beachtete späte Hymnen Hölderlins und löste damit eine ungeheure Welle aus, in deren Folge Hölderlin von Seiten der Literatur, Wissenschaft, Philosophie, Theater, Kunst und Musik eine bis dahin nicht für möglich gehaltene Aufmerksamkeit erfuhr.

Die neuen Forschungen, die sich auf Stuttgart konzentrierten, da sich in der Landesbibliothek der Großteil seiner Autografen befand, führten zum ersten großen Editionsprojekt Hölderlins, der Stuttgarter Ausgabe. Es war die Geburtsstunde des Hölderlin-Archivs, das 1941 als Arbeitsstelle der Stuttgarter Ausgabe in der Landesbibliothek seine Arbeit aufnahm. Fast 80 Jahre später ist das Hölderlin-Archiv ein seit Jahrzehnten etablierter Ort der internationalen Hölderlin-Forschung und Herausgeber der Internationalen Hölderlin-Bibliographie. Nirgendwo sonst ist Hölderlin so präsent: Hier liegen nicht nur über 80% seiner Handschriften, alle Ausgaben, Übersetzungen in 86 Sprachen, die maßgebliche Forschungsliteratur, sondern auch eine Fülle an Zeugnissen der Rezeption, die jährlich anwachsen. Allein dies macht Stuttgart zu einem überaus bemerkenswerten Hölderlin-Ort. Die Beziehung „Hölderlin und Stuttgart“ behält eine zeitlose und lebendige Verbundenheit auch weit über das Gedenkjahr 2020 hinaus.

Weitere Informationen zum Ausstellung finden Sie hier