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Homburger Folioheft, Seite 17 (Ausschnitt), Phasen 13, 14

Hölderlin, Homburger Folioheft. Diachrone Darstellung

„Immer strebet die Welt / Hinweg von dieser Erde. Daß sich die / Entblößet. Aber es bleibet eine Spur / Doch eines Wortes; die ein Mann erhaschet.“

Das schreibt Friedrich Hölderlin, schwer lesbar, in einer Krisenzeit seines Lebens im wichtigsten Manuskript des Spätwerks, dem Homburger Folioheft. Die Württembergische Landesbibliothek verwahrt es als Depositum der Stadt Bad Homburg vor der Höhe. Die Spur des dichterischen Worts im Moment seiner Entstehung zu ‚erhaschen‘: dies hat sich ein neues Instrument zur Erschließung des Dokuments zur Aufgabe gemacht.

Lange schon bemühen sich Editionen in Buchform, nicht nur aus den Arbeitshandschriften der Schriftsteller den Text abzuleiten, sondern auch dessen Entstehungsprozess wiederzugeben. Dazu entwickelten sie unterschiedliche Verfahren: Paralleldruck verschiedener ‚Fassungen‘, Variantenkataloge, Zeilensynopsen, diplomatische Umschriften der Manuskriptseite mit Unterscheidung von Eintragsschichten durch Schrifttypen oder Druckfarben. Dies alles sind Notbehelfe, um die Dynamik von Schreibvorgängen im statischen Medium ‚Buch‘ abzubilden. Hier eröffnen die digitalen Medien neue Möglichkeiten.

Mit der diachronen Darstellung des Homburger Foliohefts präsentiert die Württembergische Landesbibliothek ein Modell, das für jede Seite die unterscheidbaren Arbeitsphasen nicht erst in typographischer Umsetzung anzeigt, sondern bereits im Bild der Handschrift sichtbar macht. So lässt sich am Bildschirm die Textgenese anschaulicher darstellen, als es im Druck möglich wäre. Für ein Manuskript dieses Umfangs ist das bisher nur an Beispielseiten erprobte Verfahren weltweit zum ersten Mal durchgeführt. Der Benutzer kann die Phasen in der vermuteten Folge kumulativ zuwählen und die Beschriftung der Seite Schritt für Schritt mitverfolgen. Er kann sich aber auch jede Stufe einzeln anzeigen lassen und in beliebiger Kombination mit anderen. Zu jedem Zustand steht als Lesehilfe eine Umschrift zur Verfügung.

Die WLB hat das Projekt 2020 zur Ausstellung ‚Aufbrüche – Abbrüche. 250 Jahre Friedrich Hölderlin‘ als Work in progress in ihr Online-Angebot aufgenommen, in die ‚Sammlung digital‘ des Hölderlin-Archivs. Im April 2021 konnte es abgeschlossen werden. Die A und A Kulturstiftung, Köln, hat diese innovative Manuskriptedition ermöglicht. Erarbeitet wurde sie von Hans Gerhard Steimer (Inhalt) und Konstantin Klatt Mediendesign (Technik und Gestaltung).

 

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